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Über Mitgefühl, Freundlichkeit & die Macht des Einzelnen


Um zur Arbeit und wieder zurück zu kommen fahre ich mehrmals pro Woche gute zwei Stunden mit S- und U-Bahnen. Ich mache das meistens gern, denn ich nutze die Zeit um inspirierende Podcasts und Hörbücher auf meinem IPod zu hören. Gleichzeitig bieten diese Fahrten mir sehr viele Gelegenheiten dazuzulernen. Immer wieder erlebe ich neue Situationen, die mich zum Lächeln oder zum Nachdenken bringen. Hier ist eine davon, die mir viel über die Möglichkeiten beigebracht hat, die ein einziger Mensch in einem scheinbar unbedeutenden Moment nutzen kann, um viel zu bewirken:

 

Die Bahn, in der ich gerade zur Arbeit unterwegs war, hatte schon leichte Verspätung und stoppte dann im Tunnel. Wenn es sich dabei nur um wenige Minuten handelt, wird dazu in der Regel gar keine Durchsage gemacht. Der Zugführer an diesem Tag hielt es jedoch anders. „Meine lieben Fahrgäste, es tut mir leid, aber ich weiß gerade noch nicht, weshalb wir hier anhalten müssen. Sobald ich weitere Informationen habe, melde ich mich wieder“, sagte er mit sanfter und wirklich freundlicher Stimme. Es war zu spüren, dass sich die Menschen entspannten. Drei Minuten später meldete er sich wieder: „Nun, es tut mir leid, ich kann Ihnen leider immer noch nicht sagen, warum unsere Ampel noch rot ist, aber ich habe mit einem Kollegen gesprochen, der mich gleich informieren wird.“ Wieder zwei Minuten später kam die Nachricht: „Wie ich vermutet hatte, hat ein vorausfahrender Zug eine Türstörung. Dies kann in der Regel zügig behobene werden. Ich denke, wir werden in Kürze weiterfahren können. Es tut mir leid, für die Verspätung, die sich daraus ergibt.“ Ich schaute mich um. In den Bahnen sind zur Hauptverkehrszeit am Morgen alle möglichen Gesichtsausdrücke zu sehen: müde, genervt, gehetzt, aber auch entspannt und gelassen. Die Aussagen des Zugführers hatten einen Einfluss auf diese Menschen. Seine ruhige, freundliche Stimme, seine Verlässlichkeit mit der er sich regelmäßig über Lautsprecher meldete, führte dazu, dass die Leute sich entspannten und gelassen auf die Verspätung reagierten, an der niemand etwas ändern konnte.

 

Im Kontrast dazu erlebte ich nur einige Wochen später eine weitere Bahnsituation, die völlig anders verlief. Die Ausgangssituation war die gleiche: ein früher Morgen in der Bahn, die Menschen sind auf dem Weg zur Arbeit.

„Wegen einer Türstörung, die ein Fahrgast verursacht hat, können wir jetzt hier nicht weiter fahren, wie geplant. Sich noch im letzten Moment durch die Türen zu quetschen, führt nun einmal zu Türstörungen!“

Zwei Minuten später kam die nächste Durchsage: „Ich wiederhole noch einmal- wegen eines Fahrgastes, der meinte, die Tür aufhalten zu müssen, hängen wir hier gerade fest. Das dieses Verhalten zu Türstörungen führen kann, muss jetzt auch mal in Frankfurt gelernt werden.“

 

Und natürlich war dies noch nicht genug. Obwohl wir nach ca. 6-7 Minuten wieder fuhren, sagte der Zugführer an jeder Haltestelle, an der wir danach hielten in wirklich genervtem Ton: „Wir haben eine Verspätung, weil jemand meinte die Tür aufhalten zu müssen! Es wird Zeit, dass das mal ankommt!“. 

 

Hatte dieser Zugführer einfach einen schlechten Tag? Vielleicht. Eine schlechte Woche? Vielleicht. Befand er sich in einer Lebenskrise? Vielleicht auch das. Ganz sicher aber hatte er an diesem Tag einen enormen Einfluss auf enorm viele Menschen.

Genauso, wie die Verkäuferin beim Bäcker, der ich fast täglich begegne, und die mit ihrer warmen, sanften und freundlichen Art und Ausstrahlung immer dafür sorgt, dass ich mich besser fühle, wenn ich da war. Sie hält Smalltalk. Lächelt. Ermutigt, wenn ihr jemand sein Leid klagt. Auf genervte Kunden reagiert sie mit Gelassenheit. Und mit noch mehr Freundlichkeit. Wie oft ich das schon in diesem speziellen Laden erlebt habe. Die Verkäuferin verkauft nicht nur Brötchen. Sie verschenkt gleichzeitig ein gutes Gefühl.

 

Ich frage mich, was gewesen wäre, wenn der zweite Zugführer an diesem Tag bei ihr das Frühstück gekauft hätte. Hätte es einen Unterschied gemacht für seine Stimmung? Hätte es einen Unterschied gemacht, für all jene Vielen, die ihm später begegneten und seiner Stimmung ausgesetzt waren? 

 

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber weil immerhin die Wahrscheinlichkeit dazu besteht, möchte ich Dich heute zu ein paar Dingen ermuntern:

  • Schenke der sichtlich frustrierten Kassiererin im Supermarkt Dein Lächeln- sie wird nach Dir noch so vielen anderen begegnen.
  • Schau die übermüdete Frau mit ihren Kindern im Bus aufmunternd an und sage ihr, dass Du gut verstehen kannst, wie hart es doch manchmal ist, mit kleinen Kindern unterwegs zu sein.
  • Drück im dichten Berufsverkehr nicht zusätzlich auf die Hupe, um der Energie von Stress und Druck noch mehr Kraft zu verleihen, sondern sei freundlich, lass andere Autos einfädeln und trage dazu bei, dass sich Situationen entspannen können, an denen niemand etwas ändern kann.

Wir brauchen nicht noch mehr Lebenshilfe-Theorien, nicht noch einen Zehn-Punkte-Plan, zur Verbesserung unseres Lebens.

Wir brauchen mitfühlende und freundliche Handlungen. So verändern wir die Welt. Nicht, in dem wir unsere Macht ständig an andere abgeben- egal ob es sich dabei um die eigene Familie, um Politiker oder religiöse Autoritäten handelt.

Du hast Einfluss. Du hast Macht. Dein Verhalten hat eine Wirkung. Nutze es weise.

 

Ich bin sicher, Dir fallen noch viele andere „Kleinigkeiten“ ein, um jemandem zu helfen, oder dafür zu sorgen, dass er sich besser fühlt.

Teile Deine Ideen gern mit uns und habe einen wundervollen Dezember mit hoffentlich vielen wundervollen Begegnungen und Erlebnissen.

 

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