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Über unsere Welt. Über Gemeinschaft. Und über Hoffnung.


Okay, sein wir ehrlich, die Flut an schlechten Nachrichten dieser Tage kann inzwischen schwer zu bewältigen sein und uns ganz schön belasten. Es entsteht der Anschein, das Leid der Welt wäre zu groß und zu übermächtig, um dem etwas entgegen setzen zu können. Fragen kommen auf: Was können wir, was kann ICH dagegen eigentlich tun? Hilflosigkeit macht sich breit. Angst. Resignation ist oft nur einen Gedanken weit entfernt. Wir schotten uns ab- und damit bleiben uns alle Möglichkeiten verschlossen. Aus diesen, und vielen anderen Gründen, habe ich mir selbst im letzten halben Jahr einen neuen, sehr bewussten und differenzierten Zugang zu den Medien erschlossen. Insgesamt werde ich das Thema Medien in einem meiner nächsten Blogs aufgreifen, weil ich in der Arbeit mit meinen Klientinnen immer wieder sehe, welchen großen Einfluss es inzwischen auf unser aller Leben nimmt.

 

Heute möchte ich jedoch, etwas abseits davon, das Thema „Gemeinschaft“ mit Euch besprechen, denn ich glaube, dass es gerade dieser Tage kaum etwas gibt, was wichtiger für uns ist. Letztes Jahr habe ich eine Reise nach Island gemacht- eine der schönsten Reisen meines bisherigen Lebens. Ich war überwältigt von der Offenheit der Menschen. Von der spürbaren Freiheit. Und ein Satz, den ein Reiseführer sagte, ist bei mir hängen geblieben und hat mich noch lange beschäftigt und beeindruckt: „Wir sind ein sehr kleines Land, inmitten wunderschöner aber auch sehr rauer und erbarmungsloser Natur. Wir können es uns nicht leisten einzelne Gruppen auszuschließen. Hier wird jeder gebraucht.“

 

Ohne jeden Zweifel gibt es viel Leid auf der Welt. Aber ist es tatsächlich so übermächtig, wie es oft den Anschein hat? Sind wir tatsächlich so machtlos, wie wir häufig glauben? Ich glaube, dass wir es nicht sind. Und ich glaube, dass es „Gemeinschaft“ ist, die wir in diesen Tagen mehr als alles andere brauchen. Lass mich das etwas weiter ausführen:

Unsere Leben sind anonym geworden. Wir leben nebeneinander her und sind so gestresst von unserem vermeintlich wichtigen Arbeitsalltag, dass wir privat nur noch unsere Ruhe wollen. Dabei verlieren wir mehr und mehr jegliches Gefühl für Gemeinschaft. Und wir übersehen, dass gerade sie der Schlüssel ist zur Verbesserung unserer Lebensumstände.

 

Eine Freundin erzählte mir eine Geschichte, die zu einem Aha-Erlebnis für mich wurde, was Gemeinschaft angeht. Sie lebt mit ihrer Familie in einem Mietshaus mit mehreren Wohnungen mitten in der Großstadt. Sie erzählte, dass es regelmäßig einzelne Gespräche im Treppenhaus, über verschiedene Dinge gab, die die Bewohner nervten. (Wer putzt? Wer stellt die Mülltonnen raus? Wer kümmert sich um den Dreck im Hof, etc.). Meine Freundin selbst ist ein Typ ist, der nicht lange redet, sondern Dinge in die Hand nimmt. Deshalb beschloss sie, ein regelmäßiges Mietertreffen ins Leben zu rufen. Seitdem setzen sich nun einmal im Monat alle in lockerer Runde zusammen und besprechen Dinge, das Haus betreffend oder tauschen sich einfach nur aus. Sie lernen sich kennen. Und ich frage mich:

 

Was könnte wichtiger sein, als das? Als das Gefühl zu haben, seine Nachbarn zu kennen. Sich bekannt zu machen. Mit dem Spekulieren aufzuhören. Sich vielleicht sogar (Gott bewahre!) unterstützen zu können, mit den unterschiedlichen Fähigkeiten, die die verschiedenen Menschen haben?

 

Für den einen Nachbarn ist es ein Leichtes Dir das neue Regal anzubringen. Und Du liebst Backen und steuerst eine neue Kreation zum Geburtstag seiner Tochter bei. Oder umgekehrt. Vielleicht wechselt Dir der eine Nachbar gern Deine Reifen, während Du Dich dazu bereit erklärst seinen Sohn mit zum Fußballtraining zu nehmen. Vielleicht gibst Du übrig gebliebenes Essen lieber einem Nachbarn, bevor Du es weg wirfst? Vielleicht leiht ihr euch Dinge? Vielleicht bringst Du einem anderen etwas aus dem Supermarkt mit?

 

Die Möglichkeiten sind unzählig.

Aber wie oft tun wir so etwas? Wie oft erwarten wir Gutes von Menschen? Und wie oft erzählen wir uns misstrauisch, wie schlecht die Welt doch ist. „Wer weiß, was das für Leute sind! Wir kennen die doch gar nicht!“

 

Eins steht aber fest: Wenn wir wieder sicherer leben wollen und den Zustand der Welt langfristig verbessern wollen, müssen wir uns kennen lernen. Wir müssen erfahren wollen, mit wem wir dort Wand an Wand zusammen leben. Ja, richtig, wir müssen es wollen! Übers Kennenlernen entsteht Gemeinschaft. Und Gemeinschaft heilt, bringt Freude, fängt auf und gibt Sicherheit.

Und was fast noch wichtiger ist: Gemeinschaft lehrt unseren Kindern soziale Werte. Sie lehrt unseren Kindern Miteinander. Sie lehrt ihnen, dass Diversität wichtig ist. Jeder kann etwas, das für andere nützlich ist. Sie lehrt, dass man miteinander klar kommen kann- auch wenn man nicht jeden mögen und nicht mit jedem einer Meinung sein muss.

 

Nur mit dieser Einstellung, werden wir Stück für Stück weniger und weniger Kriminelle in die Welt entlassen. Weil es uns nicht länger egal ist, wie sich der einzelne fühlt. Weil es uns nicht länger egal ist, was nebenan passiert, so lange wir in unserem Wohnzimmer heile Welt spielen können. Gemeinschaft beginnt im Kleinen. Sie fängt in unseren Familien, in unseren Wohnungen, in unseren Häusern an. Dort bildet sie Wurzeln und breitet sich von allein immer weiter aus, wie Pflanzen, die wachsen und ihre eigenen immer größeren Gebiete erobern.

 

Eine meiner Heldinnen zu diesem Thema ist Scarlett Lewis. Sie verlor ihren sechs Jahre alten Sohn Jesse 2012 durch einen jugendlichen Attentäter an der Sandy-Hook-Highschool in Newtown, Connecticut. Sie gründete daraufhin die „Jesse Lewis Choose Love Foundation“, die sich mit speziell entwickelten Programmen dafür einsetzt, Kindern neue Handlungs- und Bewältigungsstrategien beizubringen. Sie sagt:

 

„Auch wenn wir uns nicht immer aussuchen können, was uns passiert, können wir doch immer entscheiden, wie wir darauf reagieren.

Ich bin in den letzten 23 Monaten ungemein gewachsen. Nicht weil ich wollte, aber weil ich musste. Wenn wir hier sind, wenn wir leben und atmen, haben wir auch eine Aufgabe. Eine Bestimmung. Das Gute an einer Tragödie ist, dass du die Bedeutung deiner Aufgabe sehr schnell findest. Ich habe meine Aufgabe mit der Choose Love Foundation gefunden: Kinder können lernen, einen liebenden Gedanken, über einen wütenden  zu wählen. Wenn ein Kind realisiert, dass es die Macht hat, sowohl sich selbst, als auch andere, positiv zu beeinflussen, stärkt das nachhaltig seine positiven Handlungen und seine Interaktionen mit anderen.“

 

Nehmen wir uns diese Worte zu Herzen und seien wir ein Vorbild für unsere Kinder. Mit jedem einzelnen unserer Worte und mit jeder einzelnen Handlung, prägen wir sie und entscheiden dadurch mit, zu welchem Teil der Gemeinschaft sie eines Tages gehören werden.

 

Nehmen wir uns in diesem Monat Scarlett Lewis zum Beispiel und entscheiden uns dafür, Gutes in die Welt zu schicken. Allen die sich mehr mit dem Thema beschäftigen möchten, kann ich nur Scarlett’s Buch: „Ich hab dich immer lieb“ empfehlen. Es ist ein heftiges Buch, das nicht ohne Tränen auskommt, das aber auch so viel Hoffnung gibt.  

 

Unterschätze niemals Deine eigene Macht, Dinge zu verändern.


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Kommentare: 2
  • #1

    Irina H. (Samstag, 09 Juli 2016 13:08)

    Hallo Sabrina,

    ich bin mal wieder beeindruckt von deiner Art über ein Thema so zu schreiben, dass es einem danach im Kopf bleibt und zum Nachdenken, zum Reflektieren anregt.
    Ein großes und wichtiges Thema...
    Es macht Spaß deine Blogs zu lesen, dir zu folgen, wie du deinen Teil dazu beiträgst, die Welt, die Menschen wach zu rütteln und ihnen den Weg in eine positive, starke und friedliche Richtung zu zeigen. Für andere Menschen, aber hauptsächlich und in erster Linie für sich selbst, denn nur wer sich selbst schätzt, sich selbst liebt und respektiert, kann es an andere weiter geben!
    Danke!

  • #2

    Simone Breun (Montag, 29 August 2016 17:40)

    Liebe Sabrina Naumann,
    Ich fand deinen Post über das Thema Gemeinschaft interessant und sehr wertvoll!!! Ich bin der Meinung, dass wir alle auf der Welt sind um in Gemeinschaft zu leben und heranzuwachsen... WIR LERNEN IN GEMEINSCHAFT, WIR ZÄHLEN IN GEMEINSCHAFT, WIR ERREICHEN ZIELE IN DER GEMEINSCHAFT, letztendlich profitieren wir alle Durch GEMEINSCHAFT!!! Schön, dass wir uns Menschen haben... Ich bin Dankbar für Gemeinschaft jeden einzelnen Tag, ob auf Arbeit, beim Sport, in der Öffentlichkeit oder auch Privat...!!! DER MENSCH IST FÜR DIE GEMEINSCHAFT GEBOREN. Danke, Sabrina, dass du diese Themen immer wieder so sensibel behandelst